Schmauswaberl - Freyberger Waltraud

Linke Wienzeile 64, 1060 Vienna, Österreich Wegbeschreibung für diesen Spot
Linke Wienzeile 64
1060 Wien
Österreich
+43 1 5863189

1 Bewertungen für Schmauswaberl - Freyberger Waltraud

  • corrrazzzoncito
    • 21
    • 3
    • 13. Mai 2012

    Wer ein großer Fan der "Alltagsgeschichten" von Elizabeth T. Spira ist - besonders der Folgen "Prater, Favoriten und Untermeidling" nun leider in einer Nobelgegend wie Hietzing oder Döbling wohnt, sich aber ohne Polizeieskorte in diese Bezirke nicht wagt, jedoch schon immer diese kaputten Seelen einmal live beobachten wollte, kann aufatmen. Er muß nur auf die linke Wienzeile. Ins Schmauswaberl. Erwähnenswert ist, daß das Lokal von 3 Generationen von Frauen geführt wird (Männer werden nicht erwähnt, aber ein ziemlich großer, abgesperrter ungenutzter Teil im hinteren Bereich des Lokals, nein ich wills gar nicht wissen), wobei die Tochter bereits - naja - um 50 ist, also kann man sich ausrechnen, wie alt die Mama und die Oma sein könnten. Nun zu dem Wichtigsten: die Gäste, mir fällt gerade kein anderes Wort ein, also nenne ich sie Gäste. Wie auch in jedem anderen Lokal gibt es einen Art Dresscode. In einigen Lokalitäten legt man halt wert auf Krokodil oder Polospieler am Hemd oder gewisse Uhrenmarken, von denen die Träger wissen: wir gehören zusammen. Was eint nun die Gäste des Schmauswaberls? Das Nichtvorhandensein von Zähnen. Soviel Karies, soviel Zahnfäule, soviele Zahnlücken, der Spruch "Schöne Zähne, gibts die auch in weiß?" das gibt es auf keiner Zahnklinik! So unterschiedlich die Leute gekleidet sind - egal ob Plastikblousonträger, Bob Marley T-Shirtträger oder Jogginganzugträger - die Zahnlücke vereint sie alle. Weitere Gemeinsamkeiten sind viele Tattoos, bei den älteren heißen sie noch Tätowierungen und stammen auch aus einer Zeit, wo Tätowierungen damals ausschließlich Matrosen, Häfenbrüdern und den Leuten, die im Prater beim Autodrom gestanden sind, also Häfenbrüdern vorbehalten waren. Die Gäste können aber noch mit einer anderen Gemeinsamkeit aufwarten. Das ist die ungesunde, graue - ins fahle gehende Gesichtsfarbe. Die Gesichtsfarbe, die man sonst nur bekommt, wenn man keine Spritze sehen kann und zur Impfung muß oder wenn man sich gerade alle Teile von Saw hintereinander angesehen hat. Das kann viele Gründe haben, warum die Gäste über keine frische Gesichtsfarbe verfügen. Einer könnte sein, weil sie den ganzen Tag im Schmauswaberl sind, während im prallen Sonnenschein die Radler vorbeiziehen oder weil sie - was eher wahrscheinlich ist, die Jahre zuvor in Einrichtungen verbracht haben, die vor ca. 20 Jahren als Hauptlieferanten für Tätowierungen gegolten haben. Dafür daß die Gäste ziemlich org ausschauen und auch so wirken, als hätten sie gerade nicht nur Alkoholika sondern auch diverseste bewußtseinserweiternde Substanzen zu sich genommen, sind sie recht brav. Weniger brav allerdings ist dagegen die Wirtin (also die Tochter, also die jüngere, die um die 50). Die geizt nicht mit Kraftausdrücken, wenn ein Gast sich gerade nicht an die Hausordnung hält. Aber das heißt auch, daß man als Normalbürger keine Angst zu haben braucht vor den Gästen, vor allem, wenn man das erste Mal das Lokal betritt und erkennt: 500 Jahre Stein an der Donau, Kalksburg und Ganslwirt - und das alles auf einen Haufen! Die Gäste und die Hunde beißen nicht (die Gäste können das sowieso nicht ob der fehlenden Zähne). Dafür darf man die Mama und Oma als Ruhepol bezeichnen. Milde lächelnd (wahrscheinlich schon an den Tagesumsatz denkend) begegnen sie den teils unartikulierten und schwerst enthirnten Wortmeldungen. Die Hauptarbeit liegt bei der Kellnerin, die mit einer Engelsgeduld die schwierigen Gästen bedient, die trotz Arbeitslosigkeit sich doch eine Zeche von 30 Euro leisten können, aber auf die Idee kommen, einen Teil in Münzen zu zahlen und die erst aus diversen Hosentaschen hervorkramen müssen. Das ist auch ein weiteres (noch) ungelöstes (neben dem Verbleib der Männer der Schmauswablerinnen) Rätsel, wie Leute, die keiner geregelten Arbeit nachgehen, sich die Unsummen leisten können, die sie versaufen. Und Rauchen tuns auch alle. Billig ist das Saufen dort nicht - bei über drei Euro für ein Flaschenbier kann man nicht mehr von einer Okkasion sprechen. Naja. Empfehlenswert ist das Lokal auf jeden Fall, Leute die eben auf Alltagsgeschichten stehen oder die eine große Freude an den Filmen von Ulrich Seidl empfunden haben oder einfach nur so gerne soziale Schichten anschauen, denen sie nicht angehören, werden hier auf ihre Kosten kommen.